Tourismusumfrage

Konkurswelle in der Schweiz droht

Familie beim Sonnenbaden am Bodensee-Ufer
Nach dem Shutdown müssen potentielle Gäste erst wieder Lust auf die Urlaubsplanung in der Schweiz bekommen. (© Gian Marco Castelberg & Maurice / Switzerland Tourism)
Massive Umsatzverluste stehen der Schweizer Tourismusindustrie laut einer aktuellen Branchenumfrage bevor. Es drohen Schließungen von 3.200 Betrieben und der Verlust von über 30.000 Arbeitsplätzen.
Dienstag, 05.05.2020, 08:16 Uhr, Autor: Clemens Kriegelstein

Unter dem Dach des Schweizer Tourismus-Verbands haben HotellerieSuisse, GastroSuisse, Seilbahnen Schweiz und der Verband Schweizer Tourismusmanager in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus und dem Institut Tourismus der Fachhochschule Westschweiz Wallis (HES-SO Valais-Wallis) vom 20. bis 23. April 2020 die Tourismusbranche zu ihrer aktuellen Lage befragt. Rund 3.500 Unternehmen haben an der Umfrage teilgenommen. Die Resultate sind alarmierend. So rechnet die Hotellerie im Mai mit einer Auslastung von rund neun Prozent. Im Juni, Juli und August sind die erwarteten Auslastungen nur unwesentlich höher (20- 24 Prozent). 75 Prozent der Buchungen für Mai und Juni wurden bereits storniert. Dementsprechend entwickeln sich die Umsätze. Eine neue Hochrechnung der HES-SO prognostiziert allein für die Monate März bis Juni für den Tourismus Verluste von 8,7 Milliarden Franken.

Bisherige Unterstützung hilft nur begrenzt

Kurzarbeit wird von den bestehenden Unterstützungsangeboten des Bundes am häufigsten genutzt. So nutzten 79 Prozent der Befragten dieses Instrument. Bei Seilbahnen, Gastronomie und Hotellerie betrug der Anteil sogar rund 90 Prozent. Im Gegensatz dazu fällt auf, dass nur 41 Prozent der Umfrageteilnehmer Notkredite beantragten, wobei Gastronomie (49 Prozent) und Hotellerie (45 Prozent) etwas mehr davon Gebrauch machten. „Viele KMU’s fürchten steigende Verschuldungen und Zinskosten, weshalb Notkredite nicht vollumfänglich genutzt werden“, sagt Casimir Platzer, Präsident von GastroSuisse. So geben 64 Prozent der Betriebe mit Notkrediten an, die Fixkosten nur noch bis Ende Juni decken zu können, während bis zu diesem Zeitpunkt bei allen Befragten im Gastgewerbe der Verschuldungsgrad von 24 Prozent auf 38 Prozent steigt. In manchen Regionen ist der Verschuldungsgrad in der Hotellerie auf rund 50 Prozent angestiegen. Die Tourismusbranche fordert deshalb, dass einfache Covid-19-Kredite für die gesamte Laufzeit zinsfrei vergeben werden, um Liquiditätsengpässen wirtschaftlich gesunder Betriebe entgegenzuwirken. Zudem sollte das Parlament im ordentlichen Verfahren einen Rückzahlungserlass dieser Kredite in Härtefällen möglich machen.

Politik kann drohende Konkurswelle abwenden

Als Folge der verschärften Liquiditätsengpässe ab Ende Juni und teils massiven Schuldenzunahmen bleiben die Konkursrisiken beträchtlich. Schweizweit schätzen knapp 23 Prozent der Befragten die Konkurswahrscheinlichkeit als hoch ein, regional gesehen sind vor allem Betriebe in der Westschweiz, Tessin und Basel Region betroffen. Über 30.000 Arbeitsplätze sind somit derzeit in Gefahr. Besonders in der Hotellerie und Gastronomie ist die Lage angespannt. Deshalb fordern die touristischen Verbände von der Politik im Rahmen eines Konjunkturprogramms eine Ausweitung der finanziellen Unterstützungsmaßnahmen. Ein solches Paket könnte beispielsweise nach dem Vorbild von Deutschland eine Anpassung der Mehrwertsteuer in der Gastronomie beinhalten. „Wettbewerbsfähige und gesunde Betriebe brauchen Perspektiven für die Zeit nach Corona“, sagt Andreas Züllig, Präsident von HotellerieSuisse.

Konkrete Planung vorerst nur für Restaurants möglich

Der Wunsch nach Klarheit und Planungssicherheit, den die Tourismusbranche in einem offenen Brief an Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga sowie im Rahmen des Tourismusgipfels vom 26. April platziert hat, ist nur teilweise erhört worden. Restaurants dürfen ab dem 11. Mai wieder Gäste empfangen. Unklar bleibt die Planungssicherheit für andere touristische Bereiche. Diese braucht es jetzt dringend. „Nur so kann ein Kollaps der Tourismusbranche im Sommer verhindert werden. Die Bevölkerung soll ihre Ferien im eigenen Land jetzt planen und das gesamte touristische Angebot nutzen können“, sagt Nicolo Paganini, Präsident des Schweizer Tourismus-Verbands und ergänzt: „Die Gesundheit von Gästen und Mitarbeitenden hat dabei höchste Priorität.“

Impulsprogramm zur Nachfrageförderung nötig

Mit der Öffnung ist ein Impulsprogramm zur Nachfrageförderung durch den Bund unausweichlich, denn die Gäste sind angesichts der vielen offenen Fragen verunsichert und haben noch wenig Lust auf Ferienplanung. Auf diesen psychologischen Effekt muss die Branche – sobald es die Gesundheit zulässt – eingehen und potenziellen Gästen aus dem In- und Ausland die sicheren Erholungsmöglichkeiten hierzulande aufzeigen. Hans Wicki, Präsident von Seilbahnen Schweiz sagt: „Das Impulsprogramm ist nötig, damit die Menschen sich nach dieser angespannten Zeit wieder getrauen, Ferien zu buchen und Lust auf Ferien in der Schweiz bekommen.“ Gleichzeitig müssen die ausländischen Märkte wegen der langen Vorlaufzeit von bis zu sechs Monaten vor dem Reisetermin schon bald wieder bearbeitet werden, wird doch der internationale Wettbewerb um Gäste massiv zunehmen.

Zurück zur Startseite

Weitere Themen

Steigenberger Hotel in Bad Neuenahr
Entwicklung
Entwicklung

Ahrtal: Veränderungen und Neuanfänge

Vor fast vier Jahren kam es zur Katastrophe in der beliebten Touristenregion. Während inzwischen ein Großteil der Hotellerie und Gastronomie wieder eröffnet wurde, ist der Wiederaufbau noch lange nicht abgeschlossen – besonders im Bereich der Infrastruktur.
Der Spitzenkandidat der CDU, Friedrich Merz, steht im Bundestag am Rednerpult und gestikuliert mit seinen Armen
Wahlprogramm
Wahlprogramm

CDU/CSU-Wahlprogramm 2025: Auswirkungen auf die Gastronomie und Hotellerie

Was bringt die Bundestagswahl 2025 für die Hotellerie und Gastronomie? Die CDU/CSU setzt auf Entlastungen und weniger Bürokratie – doch welche Folgen hat das konkret?
Leeres, abgedunkeltes Restaurant mit dunklen Holzmöbeln und einem Gasttisch auf dem eine rote Wahlurne steht. Es wird ein Stimmzettel eingeworfen. Auf dem Stimmzettel ist der Schriftzug der SPD zu lesen, darunter das ausgefüllte Wahlkreuz.
Wahlprogramm
Wahlprogramm

SPD-Wahlprogramm 2025: Welche Auswirkungen hat ein Wahlsieg auf die Gastronomie und Hotellerie?

Am kommenden Sonntag steht die Bundestagswahl 2025 an. Besonders das Wahlprogramm der SPD, die als eine der stärksten Parteien ins Rennen geht, enthält einige Maßnahmen, die das Gastgewerbe beeinflussen könnten. Doch was würde ein SPD-Wahlsieg für Restaurants, Cafés und Hotels in Deutschland bedeuten?
Leere Restaurantterrasse am Strand mit durchgestrichener Europa-Flagge
Wahlprogramm
Wahlprogramm

Bundestagswahl 2025: Welche Folgen hätte ein AfD-Wahlsieg für die Gastronomie?

Welche wirtschaftlichen und strukturellen Veränderungen ein Wahlsieg der AfD für die Gastronomie und Hotellerie in Deutschland mit sich bringen könnte – Potenzielle Chancen, gravierende Risiken und langfristige Auswirkungen auf Restaurants, Hotels und den gesamten Tourismussektor.
Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer DEHOGA Thüringen
Erwartungen
Erwartungen

Thüringen hofft auf viele Touristen

Leicht wird es wahrscheinlich nicht – aber mit einigen Anpassungen kann das Jahr 2025 ein erfolgreiches für die Gastronomie und Hotellerie in dem mitteldeutschen Bundesland werden. Der Dehoga Thüringen zeigt sich optimistisch. 
Junge Touristin in München
Entwicklung
Entwicklung

München bleibt Tourismus-Magnet

Das Bayerische Landesamt für Statistik hat Zahlen zur Tourismus-Entwicklung im August dieses Jahres bekanntgegeben. Demnach hat die süddeutsche Metropole einen Zuwachs von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat erzielt. Auch im restlichen Bundesland sind die Übernachtungszahlen deutlich gestiegen.
Menschen in einer Gaststätte beim Public Viewing
Hospitality
Hospitality

EM 2024 hat Stimmung aufgehellt

Der Dehoga Rheinland-Pfalz zieht ein positives Fazit der vorangegangenen Fußball-Europameisterschaft. Wie schon gemeldet, haben zwar nicht alle Betriebe von dem Event profitiert, dennoch habe sich die Gefühlslage in Gastronomie und Hotellerie merklich durch die Turniere verbessert. 
Stintmarkt in Lüneburg bei Abendlicht mit Boot
Umfrage
Umfrage

Tourismuswirtschaft leidet unter hohen Kosten

Die Hospitality-Branche in Niedersachsen steht derzeit unter Druck. Das hat eine Umfrage der dortigen IHK ergeben. Hohe Ausgaben und ein Übermaß an Bürokratie schwächen die Betriebe. Es werden Maßnahmen seitens der Unternehmen gefordert. 
Die Nordsee am Abend bei Ebbe mit Sonnenuntergang. (Foto: © Pathfinding)
Urlaubssaison
Urlaubssaison

Reisezeiten für Nordseetourismus verändern sich

Das Meer im Norden Deutschlands zählt zu den beliebtesten Reisezielen im Inlandtourismus. Für die Hotellerie und Gastronomie sind die Sommermonate an der Küste traditionell am ertragreichsten. Doch scheinbar kommt Bewegung in diese Tradition.